Bilder des Endes. Die Apokalypse in der mittelalterlichen Buchkunst

Bilder des Endes. Die Apokalypse in der mittelalterlichen Buchkunst

Die Apokalypse des Johannes ist das rätselhafteste, aber auch bilderreichste Buch der Bibel. Die prophetischen Visionen, die Johannes beschreibt, künden von einer Endzeit: einer Zeit, in der die Welt, die Menschheit und die Geschichte an ihr Ende kommen werden. Dies geschieht in einer Fülle schwer dechiffrierbarer Bilder, die der Imagination von Szenarien der Endzeit reiche Nahrung geben. Der Wunsch, diese Fülle prophetischer Bilder visuell veranschaulichen und bewältigen zu können, ist ein wichtiger Grund dafür, warum im christlichen Mittelalter so viele künstlerische Darstellungen zur Apokalypse entstanden.

Das Forschungsprojekt verfolgt einen medienspezifischen Fokus: Es versteht die bildlichen Darstellungen zur Apokalypse als Stadien mehrstufiger und mehrschichtiger Übersetzungsprozesse, die Mediales in andere Medien übertragen. Schon der Text der Apokalypse verfolgt diesbezüglich eine eigentümliche Doppelstrategie, indem er Johannes eine lange Serie von visionären Bildzeichen schauen lässt, diese Bilder aber immer an Bücher und an Prozesse der Verschriftlichung koppelt. Aus diesem Grund konzentriert sich das Projekt ganz auf Apokalypse-Bilder in Büchern, auf Darstellungen von Buchmalern und Graphikkünstlern, die in enger Verbindung mit Geschriebenem stehen und selbst Teil eines Buches sind.

Die Apokalypse (wörtlich: Enthüllung) ist ein Visionsbuch, das umfangreichste der Bibel. Der eigentümliche Status visionärer, nur für das innere Auge des Visionärs sichtbarer Bilder wird in Büchern (anders als in Skulpturen, Wand- oder Tafelmalereien) mittels einer spezifischen Strategie veranschaulicht: Zyklen zur Apokalypse sind ausserordentlich bilderreich, sie umfassen typischerweise 50 bis 80 Darstellungen. Die Vielzahl der Darstellungen verleiht den Bildern ein hohes Gewicht gegenüber den Textelementen, verwandelt die Bücher in Bildträger. Bisweilen werden die dynamischen Zeichen der Visionen in einen präkinematographischen Bilderfluss übersetzt, der sich abhebt von Darstellungen zu anderen Themen. Die Offenbarung der Endzeit ist zugleich an Geschriebenes in Buchform gekoppelt. Die Visionen des Johannes basieren auf dem Glauben, dass Gott die Zukunft der Welt in Büchern aufgeschrieben habe. Das eine Buch mit den sieben Siegeln, deren Öffnung durch das Lamm eine Serie von dramatischen Bildern auslöst, ist das stärkste Symbol für diesen Glauben. Beim abschliessenden Weltgericht sind es viele Bücher, an denen sich das Urteil des Richters orientiert. Bücher sind in der Apokalypse Symbole der von Gott bestimmten Zukunft, aber auch Dokumente, in denen die Werke und Verfehlungen der Menschen dauerhaft aufgezeichnet sind. In einer der eindrücklichsten Szenen des Visionsberichts gibt der starke Engel dem Visionär ein Buch zu essen. Die buchförmige Überlieferung der Apokalypse wird hier in die Metapher körperlicher Einverleibung gekleidet. Ganz entsprechend kreisen der Anfang und das Ende des Buches um den Prozess der schriftlichen Aufzeichnung der Visionen und ihre Übermittlung an die sieben Gemeinden Kleinasiens in Briefform.

Die hohe symbolische Aufladung von Büchern im christlichen Mittelalter ist kaum vorstellbar ohne die Wirkungsgeschichte der Apokalypse. Bildliche Darstellungen haben entscheidenden Anteil an diesem Prozess, sie setzen die auratischen Bücher des Himmels in Szene und bestimmen die Stadien der Verschriftlichung der Visionen. Von Darstellungen der Apokalypse in Büchern sind damit immer auch Engführungen zwischen Inhalt und Medium zu erwarten, die das Projekt in unterschiedlichen Konstellationen untersuchen wird.