Forschungsprojekt David Ganz (abgeschlossen)

Buch-Gewänder. Prachteinbände im Mittelalter

Die medialen Umbrüche des digitalen Zeitalters provozieren neue Fragen nach der Geschichte des analogen Buchs in Kodexform – Fragen, die auf die Geschichte des Buchs als Bildträger und des Buchs als materielles Objekt zielen. In diesem Zusammenhang rückt die buchgeschichtlich wenig beleuchtete Kontaktzone des Einbandes in den Vordergrund. Denn die Hülle des Buches ist jener Ort, der prädestiniert ist für eine Überformung des Buches mit Bildern und der den Ausgangspunkt aller praktischen Handlungsvollzüge mit Büchern bildet. Dieses doppelte Potential – das Buch als Bildträger, das Buch als Objekt – gewinnt dort mediale Relevanz, wo die Bücher als Behälter heiliger Texte fungieren. Prachteinbände sind die Schauseiten heiliger Texte, die im christlichen Kult rituell aufgeführt werden. Die Geschichte der Buchhüllen wirft so ein Schlaglicht auf das ikonische Potential des Buchs in den Buchreligionen. Charakteristisch für die mittelalterliche Ausprägung christlichen Buchkults ist das Konzept einer Gegenwart Gottes im Kodex. In dieser Präsenz-Annahme, die der sakramentalen Gegenwart Gottes im Altaropfer vergleichbar ist, liegen die entscheidenden Voraussetzungen für eine materielle und ästhetische Aufladung der Buchhülle. Die künstlerische Gestaltung zielt darauf ab, die Kluft zwischen der sichtbaren Materialität des Geschriebenen und der unsichtbaren Gegenwart Gottes im Buch zu überbrücken. Die Medialität der Einbände, so eine zentrale These des Projekts, hat vestimentäre Qualitäten: Ihre Rolle ist die eines Gewandes, das die Heiligkeit der Bücher sichtbar macht und ihr sakramentales corpus zum Vorschein bringt. Dieses über den Ornat der Hülle hervorgebrachte Buch-Corpus ist ein erster Fokus des Projekts. Die Einbände entwerfen mehrgestaltige Bilder dieses Körpers, die zwischen anthropomorphem Leib des inkarnierten verbum, narrativem Körper der Heilsgeschichte und diagrammatischem Körper des Kosmos oszillieren. Komplementär dazu geht es in einem zweiten Teil des Projekts darum, die Bücher in ihrer Rolle als Schatz-Objekt zu verstehen. Die Forschung der letzten Jahre hat den Stellenwert von Konzepten und Praktiken des Schatzes in der mittelalterlichen Kultur wiederentdeckt und die theologischen und politischen Rahmenbedingungen von Kirchenschätzen herausgearbeitet. Bislang war diese Diskussion allerdings sehr einseitig auf die Bedeutung von Reliquien und Reliquiaren fokussiert. Demgegenüber insistiert das Projekt auf dem konstitutiven Anteil der Bücher am Schatz und untersucht ihr Zusammenspiel mit anderen Schatz-Objekten. Wie eine Reihe prominenter Fallstudien (Monza, St. Gallen und Bamberg) belegen sollen, fungieren dabei die Außenseiten der Schatzbücher als Medien der Einschreibung der Stifter ebenso wie als Orte einer Objekt-Konversion, die Artefakte unterschiedlicher Herkunft in Assemblagen mit dem heiligen Text verklammert.

Die Ergebnisse des Projekts, das 2007-2013 durch ein Heisenberg-Stipendium der DFG gefördert wurde, werden in einer Monographie publiziert, die im Herbst 2014 beim Reimer-Verlag erscheinen wird.