Tuotilo. Archäologie eines frühmittelalterlichen Künstlers

Internationale Tagung

27.-29. August 2015, Stiftsbibliothek St. Gallen

Organisation:

Dr. Cornel Dora, Stiftsbibliothek Sankt Gallen, Prof. Dr. David Ganz, Universität Zürich

Der um 900 als Mönch im Kloster Sankt Gallen nachgewiesene Tuotilo gilt als Schöpfer von Werken der Elfenbeinschnitzerei und der Goldschmiedekunst, von Kompositionen geistlicher Musik und von Gedichten. Man könnte vom ersten namentlich bekannten »Schweizer« Künstler sprechen, dessen Oeuvre sich durch eine ausserordentliche Vielseitigkeit an Gattungen und Medien auszeichnet. In der Klosterchronik Ekkehards IV. ist Tuotilo das umfangreichste literarische Künstlerportrait des frühen Mittelalters gewidmet, das an das spätere Künstlerideal der Renaissance denken lässt.

Mit den »Casus Sancti Galli« Ekkehards verbinden sich allerdings auch viele Fragen. Denn aus diesem Text des mittleren 11. Jahrhunderts bezieht die Forschung sämtliche Informationen zu Tuotilos künstlerischer Tätigkeit. Ohne die »Casus« wären die heute Tuotilo zugeschriebenen Werke anonym. Zwischen der Schaffenszeit des Künstlers und dem Portrait des Chronisten liegt ein zeitlicher Abstand von eineinhalb Jahrhunderten. Das Kloster St. Gallen, in dem Ekkehard rückblickend seine Chronik verfasst, ist ein anderes als jenes, in dem Tuotilo lebt und arbeitet.

Ziel der Tagung ist es, eine exemplarische Diskussion über das Oeuvre und das Bild eines frühmittelalterlichen Künstlers zu führen. Die letzte Gesamtdarstellung zu Tuotilo, die Monographie von Ernst Gerhard Rüsch, liegt über sechs Jahrzehnte zurück. Rüschs Darstellung beschreitet den Weg einer grossen Synthese aus Ekkehards Portrait, den erhaltenen Werken und den Archivalien. Diesem Ansatz ist die spätere Forschung gefolgt, wie sich etwa an der Diskussion zu den Elfenbeintafeln des Evangelium Longum zeigen liesse. Der Abstand zwischen Werk und Porträt wurde auf diese Weise kaschiert. Die Idee der Tagung ist es, den umgekehrten Weg einer archäologischen Spurensuche zu beschreiten. Künstlerisches Oeuvre, literarische Darstellung und Archivalien sollen getrennt betrachtet und auf ihre jeweiligen historischen Kontexte befragt werden. Dabei geht es nicht um die Frage nach dem historischen Wahrheitsgehalt, die in der älteren Tuotilo-Forschung um 1900 ausgefochten wurde – mangels weiterer, von Ekkehard unabhängiger Quellen ist sie ohnehin kaum zu beantworten. Im Vordergrund stehen vielmehr eine Analyse der unterschiedlichen Schichten dieser frühmittelalterlichen Künstlerfigur: Dazu gehört erstens die Schicht der Objekte, Kompositionen und Texte, die sich in eigene, gattungsspezifische Zusammenhänge einordnen lassen, aber auch in die liturgischen Aufführungspraktiken und die gesamte Ordnung des Konventslebens in St. Gallen um 900. Dazu gehört zweitens die Schicht der Nachwirkung in St. Gallen und an anderen Orten, die noch wenig erforscht ist. Welche Folgen hatten die Schöpfungen Tuotilos? Die dritte Schicht ist die der retrospektiven Formung eines Künstlerbildes durch Ekkehard, die im Kontext vergleichbarer Tendenzen der nachträglichen Konstruktion von Memoria und der Aufwertung des Künstlers im 11. Jahrhundert zu sehen ist. Eine vierte Schicht wäre die der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit und um Tuotilo im 19. und 20. Jahrhundert. Ein solcher archäologischer Ansatz verspricht wichtige Einblicke in die Arbeitsweisen und Techniken eines frühmittelalterlichen Künstlers, in Modi frühmittelalterlicher Kunstrezeption wie auch in die nachträgliche Schaffung literarischer und wissenschaftlicher Künstlerbilder zu geben.