Deutungshoheiten
Deutungshoheiten
Donnerstags, 18 Uhr, 14-tägig, Beginn: 3. November 2005, Raum 008, Rämistr. 73
Organisation: Beate Fricke und Cornelius Claussen
Wer darf Bilder deuten und wer deutet sie wie? Wie wird dabei diese Deutungshoheit, d.h. die spezifische Wahrheit der Lesart eines Bildes begründet? Jedes Nachdenken über ein Bild lässt es als ein anderes, ein neues Bild erscheinen. Wie verhalten sich diese Bilder von Bildern zueinander? Und wie markieren wir eigentlich, über welche Bilder wir sprechen? Zu Antworten auf diese Fragen und zu gewagten Theorien zur Genese von Deutungshoheiten möchte diese Vortragsreihe mit Beiträgen aus verschiedenen disziplinären, methodischen und historischen Perspektiven einladen. Dabei sollen besonders die verschiedenen Traditionen von Bildlektüren und ihre Legitimationspraxis beleuchtet und auf ihre Konsequenzen für das Bedeuten und die Bedeutung von Bildern erörtert werden. Man setzt sich gegenwärtig allerorts mit dem Bild als Instrument für Evidenz in der Wissenschaft und als Gegenstand der Wissenschaft auseinander, man stellt Überlegungen über die Genese der Bilder an, spricht über ihre Rolle in der Kunstgeschichte und ihre Bedeutung für die Gesellschaft im besonderen. Die Bedeutung der Bilder selbst in allen diesen Ordnungen wird jedoch nur scheinbar kontrovers diskutiert. Ein genauer Blick auf diese Scheingefechte und ihre obsessiv wiederkehrenden Topoi von Wenden, Turns und Schleifen offenbart, dass man sich erstaunlich einig über die eigene Bildkultur und ihre Lesegewohnheiten hinsichtlich der Bilder zu sein scheint. So hört man vor allem aus der Kunstwissenschaft den Anspruch, für alle Bilder, also auch Bilder, die Werbung, Comic, Film und Computerspiele generieren, die wahren Interpreten zu sein, eine Steigerung des Forschungsinteresses an diesen Bildern setzt jedoch erst ausgesprochen zögerlich ein.Es geht im Augenblick offensichtlich darum, wer Bilder “richtig” deuten darf, wer sie benutzen, wer über sie und besonders wie forschen darf und wem sie gehören. Dieser Machtkampf um Deutungshoheiten hinterlässt auf den Oberflächen der Bilder nicht nur neue hochinteressante Kerben und Narben und verändert unseren eigenen Blick auf die begehrten Bilder, sondern deckt die Folgen ihrer Opazität, ihrer Vielschichtigkeit und Undurchlässigkeit auf. Wenn über die historische Bedeutung von Bildern, über die aktuelle Bedeutung von historischen Bildern, ihre wahre Bedeutung und über falsche Sehweisen gesprochen wird, spricht man im seltensten Fall von den Bildern selbst: Vielmehr werden im Namen des Bildes Sehverbote und Deutungsgebote ausgesprochen.
Vortragende:
03. 11. 2005
"Vergleichendes Sehen oder Gleichheit aus Versehen? Begegnung eines kunsthistorischen Paradigmas mit aktuellen Pressefotografien"
Dr. Peter Geimer, Kunstgeschichte, Wissenschaftsforschung, ETH Zürich
17. 11. 2005
„Bilder zwischen Reglement und Versagen – Lolita (Nabokov/Kubrick/Lyne)“
Dr. Ursula von Keitz, Filmwissenschaft, Universität Zürich
01. 12. 2005
"Unerträgliche Bilder. Extreme Gewalt und ihre Betrachter"
Prof. Dr. Valentin Groebner, Geschichte, Universität Luzern
15. 12. 2005
"Das Porträt als europäische Maske. Nicht nur bei Rembrandt"
Prof. Dr. Hans Belting, Kunstwissenschaft, Direktor des Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), Wien
19. 01. 2006
"Geschmack haben. Das Kunsturteil und die Hoheit des Körpers"
Dr. des. Hannah Baader, Kunstgeschichte, Kunsthistorisches Institut Florenz, Max-Planck-Institut
26. 01. 2006
Dr. Anne von der Heiden, Medienwissenschaft, Bauhaus-Universität Weimar
02. 02. 2006
"Das fotografische Gedächtnis. Trauma, Bild und Text bei Hugo von Hofmannsthal."
Dr. habil. Maximilian Bergengruen, Literaturwissenschaft, Universität Basel