Dissertation, Sophie Schweinfurth

Schriften in Gold. Zu einer Genealogie der Ikone


Die Geschichte des christlichen Bildes ist zuerst die seiner Bildpraxis. Eine theoretische Begründung des Bildes erfolgt erst im byzantinischen Bilderstreit im Verlauf des 8./9. Jahrhunderts. In der Frage der Möglichkeit eines christlichen Bildes sind die Bilderverteidiger bemüht die Mediendifferenz von Schrift und Bild einzuebnen, wie sie in der griechischen Begrifflichkeit von graphein „Schreiben“ und „Malen“ bereits vorgezeichnet ist. Die Aufwertung des byzantinischen Bildes, der Ikone, in den Rang der Schrift führt auch zu neuen visuellen Akzentuierungen und eröffnet so neue semantische Kohärenzräume. Das Projekt versteht sich als Beitrag zu einer kritischen Geneaologie der Ikone. Dabei geht es nicht darum, die christliche Bildpraxis durch eine christliche Bildtheorie der Ikone, wie sie im byzantinischen Bilderstreit entworfen wurde, einzuholen. Vielmehr werden Widersprüche, Unterschiede und Spannungen zwischen Bildpraxis und Bildtheorie als konstitutiv und produktiv für einen Zugang zum byzantinischen Bildverständnis erachtet. Somit hat sich das Projekt zur Aufgabe gemacht, auch die epigenetischen Momente in der Entwicklung christlichen Bildverständnisses historisch zu identifizieren. Im Wesentlichen lassen sich drei Forschungsergebnisse des Projekts akzentuieren: 1. Die christliche Theoriebildung vollzieht sich als Distanzbewegung zu einer christlichen Bildpraxis – es geht, um die anagogische Funktion der Bilder, um den Idolatrievorwurf abzuwehren. 2. Im Zuge der Aufwertung des Bildes, diffundieren Schrift und Bild und gelten äquivalent als Medien Gottes. 3. Diese theoretische und auch visuell erfahrbare Korrelation von Schrift und Bild unterscheidet das byzantinische Verständnis beider Medien grundlegend von westlichen Positionen seiner Zeit.